Gedenkbuch 2013

Heymann „Harry" Goetz
Lilli Stern geborene Goetz
Karl Stern

Friedhelm Ebbecke-Bückendorf, Eschweiler

Zur Verlegung der Stolpersteine hatte Guni Kadmon, der Urenkel von Heymann Goetz, Fotos seiner ermordeten Verwandten mitgebracht. Vergilbte Fotos und einen Kleiderbügel. Guni Kadmon zeigte den hölzernen Bügel allen, die sich am 13. Dezember 2011 in Eschweiler zusammen gefunden hatten, um Gedenksteine für die Opfer der Judenverfolgung im Straßenpflaster zu verlegen.

„H. Goetz, Eschweiler" steht auf dem Kleiderbügel. Vor Jahrzehnten hing er mit vielen weiteren gleichen Bügeln in dem Haus, vor dem nun die Stolpersteine für Heymann Goetz, dessen Tochter Lilli Stern und ihren Mann Karl Stern verlegt sind. Es ist immer noch ein Herrenmodegeschäft, aber es steht ein anderer Name über dem Portal, und der Bügel, den der Urenkel des Firmengründers mitgebracht hatte, ist das einzige, was von der Firma Goetz an der Ecke Grabenstraße und Englerthstraße in Eschweiler geblieben ist.

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Foto: Familie Goetz-Stern 1932 (stehend von links nach rechts)
Hein und Karl Stern,Harry Goetz, Lilli Stern geb. Goetz,
(sitzend) Dr. Erna Wolfsohn geborene Goetz, Tochter Susanne,
Martin Wolfsohn (privat)

Am 6. März 1901, „abends 6 Uhr", so hatte er annonciert, eröffnete der Kaufmann Heymann Goetz das „Aachener Bekleidungs-Haus" für Herrengarderobe, Knabenbekleidung und Schuhwaren in Eschweiler, in einem vierstöckigen Neubau an der Grabenstraße, die damals als Einkaufsstraße am Reißbrett entworfen worden war. Goetz warb mit „streng festen, aber billigen Preisen" und „Verkauf nur gegen Baar". Kein Rabatt, kein Anschreiben, stattdessen immer wieder Sonderangebote. Das Geschäftsmodell war für die damalige Zeit ungewöhnlich und sofort erfolgreich. In Alsdorf eröffnete Harry Goetz sogar eine Filiale, die von seiner Frau Thekla geleitet wurde. Im Jahr 1926, beim 25-jährigen Bestehen, zahlte er die höchste Steuersumme aller jüdischen Geschäftsleute aus Eschweiler. Er war Vorsteher der Synagogengemeinde und Vorsitzender von Chewras Dallim, der Wanderfürsorge, einem der drei Vereine zur Wohlfahrtspflege innerhalb der Synagogengemeinde. Heymann Goetz, geboren am 1. November 1867, stammte allerdings nicht aus Eschweiler oder Aachen (wie der Name seines Bekleidungshauses nahelegt), sondern aus Briesen, einer Kleinstadt in Westpreußen, 40 Kilometer nordöstlich von Thorn. Als kaufmännischer Angestellter hatte er in mehreren großen Städten gearbeitet, bevor er sich in Eschweiler selbständig machte. Damals, 1901, war er 31 Jahre alt. Seine Frau Thekla geborene Eichwald, die aus Dortmund stammte, war drei Jahre älter als er. Zwei Mädchen gehörten zu der Familie: Lilli Goetz war am 11. Juli 1895 in Husum zur Welt gekommen, Erna am 10. August 1898 in Krefeld. Der Vorname Heymann steht in den Urkunden, aber weder in geschäftlichen noch in privaten Unterlagen taucht er auf, nicht einmal in der Steuerliste der Synagogengemeinde. In Eschweiler wurde Heymann immer nur Harry Goetz genannt.

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